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Komm wann Du willst, bleib solange es Dir gefällt!

Am Tag danach - oder Szenen eines Abschieds

Es ist Montagmorgen kurz nach 6 als eine Horde orange Männchen in ebenso farbig angemalten Autos aus dem Woanders in unsere Welt poltert, um sich sofort daranzugeben, uns die letzten Reste unserer kleinen Idylle zu entreißen. Sich gegenseitig anschreiend enthaupten sie zuerst was noch vor 2 Tagen als 42 heiß umkämpft war. Währenddessen gibt sich eine kleinere Abordnung daran, zu begutachten, wie man am schnellsten das diesjährige Bauwerk entwenden könnte, was allerdings zunächst aufgrund der massiven zeltstädtischen Bauweise nicht als möglich erscheint und daher auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird. Ein hämisches Grinsen steigt mir in mein übernächtigtes Gesicht und ich nehme den kleinen Triumph zum Anlass mir aus der Bohnenpresse ein Heißgetränk zu genehmigen.

Damit stelle ich mich ans Feuer und beginne in die Asche zu starren. Vor meinem geistigen Auge sehe ich geschehenes geschehen, passiertes passieren, erlebtes wieder auferstehen und viele Maler die an diesem Bild schaffend sich beteiligen und zugleich von anderen geschaffen werden als plötzlich jemand brüllt: Dat woa minge Hand Du blöde Sau, pass doch op! Ups, wo bin ich? Ach ja, die Invasoren kommunizieren … Bitaar denke ich und beschließe die Welt zu wechseln. In einer vierrädrigen Zeitmaschine verlasse ich das Kreis Rund und rase mit km/h 20 durch einen langen grünen Schlauch ins Woanders.

Am Ende des Schlauches steht eine große rote Tafel auf der STOP zu lesen ist. Stop? Stop was? Und warum? Wer soll hier von etwas abgehalten werden? Kurz überlege ich ob ich die Tafel den orangen Brüllern am anderen Ende des Zeitschlauches übergeben soll, entschließe mich dann aber doch dieses Schild nach guter alter Zeltstadtmanier zu ignorieren und beschleunige meine Zeitmaschine bis ein rotes Licht meine Aufmerksamkeit erweckt und ich anhalte um meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen – rotes Licht, Kneipe nach Feierabend … letzte Runde … Lagerfeuerglut … oh nein, es erlischt und verwandelt sich urplötzlich in ein gleißendes Grün, in ein tiefes Pappelgrün. Ich lächle und fahre weiter. Nach der hier herrschenden Zeitrechnung muss ich ungefähr 15 Minuten gefahren sein, als ich an eine Schreinerei komme. Dunkel erinnere ich mich, vor ungefähr 3 Wochen das Versprechen abgelegt zu haben, zurück zu kehren und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre.

Ich reiße mich zusammen und betrete die Werkstatt. Niemand da, das ist toll. So schnell es geht verlasse ich diesen Ort und beschließe später wieder zu kommen. Meinem Personalausweis, in dem merkwürdigerweise nicht Zeltie sondern Deutscher vermerkt ist, entnehme ich meinen Wohnsitz für die nächsten 50 Wochen und begebe mich dorthin.

Meterhohe Steinzelte säumen meinen Weg bis ich schließlich die angegebene Adresse erreiche. Das Zelt ist backsteinfarben und von außergewöhnlicher Höhe. Ich mag es nicht und fahre weiter.

In mir steigt die dunkle Vorahnung auf, dass schlimme Zeiten im Anzug sind und ich diesen Anzug trage. Bis 10 verbringe ich die Zeit damit umher zu fahren und die Nähe von Pappeln zu suchen. Dann kehre ich zu der bereits erwähnten Werkstatt zurück um Teil eines Arbeitstages zu werden, der auf mich wirkt, wie die Ansprache eines Herrchens auf seinen Hund. Andere Sprache, andere Welt andere Spezies. Ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass das mit dem Abbau ein tragischer Fehler war und überhaupt der Himmel in dieser Werkstatt eine komische Farbe hat und gefährlich tief hängt. So verstreichen die Stunden, die eben komischen Gefühlen und schrägen Vorstellungen zum Glück auch eine Mittagspause, einen Besuch von Schobbe und einen Feierabend beinhalten.

Ich suche erneut das in meinem Ausweis beschriebene Winterlager auf, parke meine Zeitmaschine davor und beginne aus ihr die Dinge heraus zu räumen, die ich vor den orangen, brüllenden Männchen retten konnte. Das beschäftigt mich eine Weile so sehr, dass ich erst danach bemerke, dass ich völlig alleine bin! Schweigend verharre ich und es ist nur das Kühlwagenbrummen aus der Küche zu hören – ah, Küche, es sind bestimmt alle in der Küche, aaaber ich werde enttäuscht, es ist auch in der Küche niemand. Die Sofas im Spielkasino sind ebenfalls wie leer gefegt und eine Feuerstelle gibt es in diesem Scheißlager auch nicht. Mein Gott ist das alles schlecht organisiert denke ich und will gerade gehen, als ich gegen einen riesigen, ungefähr 5x2,5 Meter großen Stein laufe. Erschrocken und empört zugleich, will ich den Anderen mein Leid mitteilen aber es ist ja niemand da verdammt.

Und dann bemerke ich, was hier gespielt wird. Rund um mich herum stehen diese riesigen Steine und aus memmiger Angst vor Regen ist das ganze auch noch überdacht. Unglaublich, wer hat sich das bloß ausgedacht? Ich jedenfalls will mit dieser Art von Zelten nichts zu tun haben und verlasse fluchtartig den Ort des Grauens. Erleichtert stelle ich draußen fest, dass der Himmel eigentlich doch blau und nicht Raufaser gelb ist und dass es auch hell sein kann, ohne dass man Licht anmacht und dass man eigentlich nur Licht anmachen muss, wenn man riesige Steine um sich herum aufstellt. Ob ich allen erzählen soll, dass Pappel es auch tun? Und welche Farbe der Himmel eigentlich hat? Ob die Leute in dieser Stadt wissen, dass es schöner ist sich anzusehen und Wälleväd zu sagen wenn man aneinander vorbei geht, als auf den Boden zu starren und nix oder „tach“ oder „Platz da“ zu sagen? Dass Salmonellen im Radio sogar sehr schön und gar nicht so gefährlich sind wie die in Eiern? Ich glaube ich sollte das tun und mir auf diese Weise die nächsten 50 Wochen vertreiben, wo ich dann endlich wieder nach Hause kann, weil die orangen brüllenden Männchen spätestens bis dahin gemerkt haben werden, dass sie mit Ihrer Beute gar nix anfangen können und alles wieder zurück bringen. Und genau dann kommen wir alle wieder im Kreis Rund zusammen, um umgeben von grünen Pappeln alle Häringe sooooooooo tief in den Boden zu kloppen, dass sich die Neuseeländer wundern, woher die vielen kleinen Beulen kommen.

Andreas Voss, Zeltstadtleiter