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Komm wann Du willst, bleib solange es Dir gefällt!

Soziale Wärmeskulptur

Indem ich diesen Beuysschen Begriff aufgreife, möchte ich dem Phänomen Offene Zeltstadt in seiner Faszination für die Teilnehmer näher kommen.

Die Zeltstadt war ein modernes Kunstwerk und deshalb fand sie begeisterte Anhänger und radikale Gegner. Die Bedeutung der Zeltstadt für die Teilnehmer kann sich nur der erklären, der sich geduldig auf die Symbolsprache der Zeltstadt einlässt.

Da ist zunächst die Offenheit der Zeltstadt. Bis zur ersten Nacht wusste nie jemand, mit wie vielen Teilnehmern wir beginnen. Der Erfolg der Zeltstadt stand jeden Abend auf dem Spiel. Sind wir attraktiv oder nicht? Es entstand eine Art Spielermentalität: „Heute haben wir nur 10 Übernachtungen. Wetten, dass es am Freitag 30 sind?“ Gegenwetten wurden angenommen.

überwog in den letzten Jahren der Galgenhumor: „heute sind so viele Teilnehmer wie Teamer da!“, gewöhnten wir uns immer mehr an diese Eigenart der Zeltstadt und waren im letzten Jahr ungläubig überrascht, dass mehr Gäste als Teamer übernachteten. Die andere Seite der Offenheit, war die Offenheit für die unterschiedlichsten Gäste. Ob es Motorradfahrer aus Bari, Radfahrer aus Holland, drei Mädchen aus Gaggenau waren, ob es nun Pfadis, Gruftis, Asis, KJG-ler, neugierige Eltern, kleine Kinder oder graue waren, sie alle hatten ein Daseinsrecht in der Zeltstadt. Und in all den Jahren war es ein großes Erlebnis, dass Gruppen, die sich auf der Straße nur scheel anblicken, hier friedlich zusammenlebten. Ein anderer Aspekt war der Kampf um gemeinsame Regeln. Totale Offenheit überfordert und stürzt in die Einsamkeit, die Anonymität der Großstadt. Die Zeltstadt hatte durchaus städtische Züge: Kulturamt, Einwohnermeldeamt, Restaurants, Kirche, Geschäfte, Arbeitsplätze, Spielplatz, Polizei, Obdachlose usw. In der offenen Gesellschaft wurden im Laufe der Jahre einige Regeln durchgesetzt: feste „Ladenschlusszeiten“, kein Fremdalkohol, ein alkoholfreier Abend pro Woche, Mitarbeit von Gästen, keine Privatautos auf dem Platz. Im letzten Jahr gelang zunehmend die Integration von Jugendlichen aus der „Arbeitslosenszene“, die als neugebackene Eltern und langjährige Zeltstadtbesucher nun endgültig dazu gehörten und sich mitverantwortlich fühlten.

Der Wärmecharakter der Zeltstadt, d.h. die Überwindung der Anonymität gelang bei aller Offenheit von Mal zu Mal besser. Neben den Vielen Kleingruppen entstand ein Großgruppenbewusstsein: „Wir Zeltstädter“. Zeltstadt wurde zum Paradigma für viele Erlebnisse draußen.

Das ist ja echt „zeltstadtmäßig“ heißt es nun oft, wenn irgendwo ein Lagerfeuer ist, eine Rockband spielt, eine lockere Atmosphäre herrscht. Neben den stärkeren Traditionen spielt dabei die Intensivierung der Kulturarbeit eine große Rolle. In der Zeltstadt war sie recht elitär, anschließend eher populär und gewann dann im Laufe der Zeit einen eigenen Stil. Er bestand in einer breiten Auffächerung der musikalischen Richtungen, in einer intensiven Aufklärungsarbeit über moderne Kunst und in einer spielerisch-aktionistischen phantasievollen Durchdringung des Zeltstadtalltages.

Der erweiterte Kunstbegriff wurde zur erfahrbaren Realität. Wer jahrelang die verschiedenen Workshops durchgemacht hatte, wer die verschiedenen Tage (Amerika-, China-, Italien-, öko-Tag) durchgeführt und dafür die Animation gemacht hatte, wer sich sportlich, handwerklich, organisatorisch und pädagogisch bewährt hatte, der entwickelte eine neue Sensibilität für Fähigkeiten, die in ihm steckten und ein neues Selbstbewusstsein. Das kann kein einfacher Gruppenleiterkurs leisten. Wildfremde ansprechen, total Abgehangene motivieren, Besichtigern alles erklären, Politiker zufrieden stellen und im Team aufgehen – das ist eine Schule des Lebens – rund um die Uhr. Und nicht mit einer braven Gruppe, die gemeinsame Werte hat, sondern gerade im täglichen Kampf mitten im totalen Pluralismus.

Und mitten drin die Kirche. Nicht als steriler Raum, der abschreckt, sondern urgemütlich, einladend und genauso offen wie alles andere und dennoch noch einmal in andere existentielle Ebenen vorstoßend. Die Kreativität des Menschen nach dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys, ist die Folge des Auferstehungsprinzips, d.h. die bleibende Einstiftung der neuen Realität Christi in unsere Realität. Neue Energien, die sich begegnen, neue Denkprozesse und vor allem Begegnung – das waren die Elemente der Zeltstadtkirche, die damit die Offene Zeltstadt auch offen machte hin auf Kirche und Jesus Christus. Die Zeltstadtkirche als Sinaizelt hütete den Energiequell und das Feuer der Identität dieser Zeltstadt, die eben eine Maßnahme der Katholischen Kirche war, vertreten durch BDKJ und JBE (= jetzt KJA, Anm. d. Red.) und so ein anderes Gesicht unserer Kirche sichtbar machten.

Die Zeltstadt wurde auf Dauer eine immer perfektere soziale Plastik, an der sich immer mehr Bildhauer mit ihrem Leben und ihrer Persönlichkeit beteiligten. Sie wurde dadurch immer bunter, aber nicht chaotisch, sondern eher einem langsam wachsenden Baum vergleichbar, der immer mehr Blätter bekommt. Dabei veränderte sich die Gruppe der Gärtner. Waren es anfangs die BDKJ-ler und in der Zwischenphase die JBE-ler, wurden es schließlich die Teilnehmer und Zeltstädter selber. Kirchlich ausgedrückt: es entstand eine offene Zeltstadtgemeinde.

Uli Wiese – ehem. Kreisjugendseelsorger